Die größten Kulturländer in Europa

Wer die größten Kulturländer in Europa sind, können wir uns auch ohne Statistik vorstellen. Deutschland (1 Mio. Kultur-Erwerbstätige), das Vereinigte Königreich (870.000 KE.), Frankreich (488.000 KE.), Italien (464.000 KE.) und Spanien (390.000 KE.) verfügen über die zahlenmäßig stärksten Kulturbeschäftigungsmärkte in Europa. Dann allerdings folgen schon die relativ kleineren Niederlande, die mit beachtlichen 306.000 Erwerbstätigen ebenfalls zu den „Großen“ im europäischen Kulturmarkt gezählt werden müssen. EUROSTAT, das statistische Amt der EU, hat dies jüngst ermittelt.

Kultursektor in Europa EUROSTAT 2007

Wenn wir den EU-Statistiker Glauben schenken dürfen, dann sind die Niederlande in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Nicht nur haben sie eine überdurchschnittliche Wachstumsdynamik in den drei Jahren 2002 – 2005 hingelegt: Mit einem Zuwachs von knapp 23% wuchs die Zahl der Erwerbstätigen im niederländischen Kultursektor in diesem Zeitraum knapp doppelt so schnell, wie im französischen Kultursektor (+12,4%) und fast dreimal so schnell wie im deutschen Kultursektor (+8%). Nur Spanien konnte mit der niederländischen Dynamik mithalten und legte mit knapp 27% sogar etwas mehr zu.

Die Niederländer erstaunen uns ebenso bei einer der wichtigsten Kennzahlen, die Aufschluss über die „Modernität“ eines Landes gibt: Der Anteil der Kulturerwerbstätigen an der Gesamtwirtschaft liegt in den Niederlanden mit 3,8% europaweit an der Spitze. Hier können nur noch die Länder Schweden, Finnland, Dänemark sowie UK mithalten, die allesamt mindestens 3% und mehr im vergleichbaren Anteil belegen. Diese Länder sind für starke Entwicklungen hin zu modernen Dienstleistungsgesellschaften bekannt, und werden „Creative Cities“ genannt, so kommen sie ebenfalls meist aus diesen Ländern.

Die Deutschen sind, gemessen an dem vergleichbaren Anteilswert von 2,8%, noch nicht so „modern“ wie die Nordländer, aber immerhin liegen sie deutlich über dem EU-Durchschnitt von 2,4%. Was uns jedoch schon bei den 2002er Daten des EU-Amtes gewundert hat, ist der erneut unterdurchschnittliche Anteilwert der Franzosen, die es im Jahr 2005 nur auf 2,0%gebracht haben sollen. Es fällt uns schwer, das zu glauben, zumal auch die absolute Zahl der Erwerbstätigen im französischen Kultursektor laut EUROSTAT lediglich bei 488.000 Personen liegen soll? Das wäre weniger als die Hälfte der Erwerbstätigen des deutschen Kultursektors.

Zu allerletzt stürzen uns die EU-Statistiker über die Angaben zum UK in Verwirrung. So sollen nach EUROSTAT die Briten knapp ein Prozent der Kulturerwerbstätigen innerhalb des Dreijahreszeitraums 2002-2005 verloren haben. Von den britischen Inseln hören wir hingegen regelmäßige Erfolgsmeldungen über die Wachstumsdynamik der Creative Industries. DCMS bitte melden!

EUROSTAT-Info im pdf im Download

P.S. Noch ein Wort zum Kultursektor:
Der Begriff „Kultursektor“ umfasst immer die drei Sektoren des öffentlichen Kulturbetriebs, des intermediären Kulturbetriebs sowie der Kulturwirtschaft. Soweit das differenzierte Verständnis zur Sache.
Leider unterscheiden die EUROSTAT Experten nicht genau in ihren Texten und verwenden oftmals den Begriff „Kulturwirtschaft“, während sie den gesamten Kultursektor meinen. Für EU-Beamte scheint eine solche Verwechslung derzeit nichts besonderes, da die EU Europa vorwiegend durch die „Brille des Marktes“ sieht – und da regiert das Wettbewerbsrecht.
Anders ist dies zumindest für viele kontinentaleuropäische Länder, für die die Unterscheidung zwischen öffentlichen (staatlichen), intermediären (zivilgesellschaftlichen) und marktwirtschaftlichen Strukturen weiterhin von elementarer Bedeutung bleibt. Die schleichende Übernahme marktwirtschaftlicher Formen, Instrumente und Begriffe für die gesellschaftlich relevanten Strukturen könnte mittelfristig das Ende der bislang fantastischen Kulturinfrastruktur in vielen Ländern Europas bedeuten. Ein überzeugter Kulturwirtschaftler kann das nicht wollen. Später mehr zu dieser Debatte.

Dieser Beitrag wurde unter Europaebene veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.